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Jung ein Musiker, als ein Bettler

Den Spruch ‚Jung ein Musiker, alt ein Bettler‘ kannte Rolli von seiner Oma schon lange vor sei-ner eigenen Zeit als aktiver Musiker. Über dessen Bedeutung hatte er sich früher nie grosse Gedan-ken gemacht. Er hatte in jungen Jahren lediglich manchmal den Eindruck, dass Musiker öfter in ihrem äußeren Erscheinungsbild, manchmal auch im Verhalten ein unvorteilhaftes Bild in der Öffent-lichkeit abgaben. Er empfand auch, dass eine große Zahl der Amateurmusiker bei vielen seiner nicht musizierenden Bekannten eine Art Hungerleider-Status hatten.

Seit Rolli jedoch selbst in die Musikerszene ein-tauchte und die unterschiedlichsten Musiker und Bands kennenlernte , die quasi als Mitbewerber zu seiner Gruppe ‚Rock’n’Rolli‘ ihre Dienste anboten, erhielt der Spruch ‚Jung ein Musiker, alt ein Bett-ler‘ für ihn eine völlig neue Bedeutung.

Als Rolli mit seiner Band startete, waren ihm neben der Musik, den Liedtexten und der Pro-grammdramaturgie eine ‚unmusikalische‘ Tat-sache genauso wichtig: er erstellte erst einmal eine Kalkulation unter Berücksichtigung sämtlicher Kosten. Egal, ob man Musikmachen zum Geld-verdienen oder als Hobby ansieht, wollte Rolli über seine Erträge bzw. Verluste Bescheid wissen. Dabei schien ihm wichtig, ab welchem Zeitpunkt die Band eine Kostendeckung erzielt, bei der die Materialkosten und auch die Zeit für den Arbeits-einsatz gedeckt sind. Bei der Arbeitszeit berück-sichtige Rolli neben der Auftrittszeit auch Vorbe-reitungszeit mit dem Einstudieren und Proben für das Programm. Er hatte nämlich nicht die Absicht, größere Summen ohne Aussicht auf eine Refinan-zierung in das Programm ‚Rock’n’-Rolli‘ zu stecken. Manchmal kam es zu Gesprächen mit anderen Musikern zum Thema Gage. Dabei vermisste er häufig eine angemessene kaufmän-nische Denkweise bei vielen Musiker-Kollegen. Sie hatten zwar teilweise an Musikhochschulen oder Konvservatorien studiert, aber Wissen über Betriebswirtschaft oder Marketing war bei ihnen offenbar nicht vorhanden. Doch Rolli wusste aus langen Berufsjahren, wie wichtig Produkt- und Preispolitik, Vertriebs- und Kommunikations-strategie für jedes Unternehmen sind. Und diese Sichtweise wendete er natürlich auch für das Projekt ‘Rock’n’Rolli an.

Dabei wäre es auch für Hobbymusiker ohne Ge-winnerzielungsabsicht nicht schadhaft, wenn sie am Ende wissen, wieviel sie ihr Hobby letztlich kostet bzw. wieviel sie zum Beispiel gegebenen-falls pro Auftritt draufbezahlen. Ganz egal, ob sie diese Kosten steuerlich geltend machen wollten oder nicht. Auch sehr junge Musiker, die ihre Auftritte primär zur Anbahnung von Beziehungen zum anderen Geschlecht sehen, wären nach Rollis An¬sicht mit einer Vorabkalkulation gut beraten. Dann würden Sie bald erkennen, dass sie möglicherweise zum Beispiel mit einem Blumenstrauss und einer Packung Pralinen nur einen Bruchteil der Kosten zur Eroberung der Herzdame investieren müssten, der letztlich für einen Live-Auftritt anfällt.

Rock’n’Rolli erhielt einmal eine Absage für ein Konzert, weil der Veranstalter eine, nach seiner Aussage ‚erheblich billigere Gruppe‘ engagiert hatte. Dieses Konkurrenz-Trio verlangte für den 3-stündigen Auftritt lediglich € 300. Dabei hatte die Band eine Fahrtstrecke von einfach fünfzig Kilo-metern zum Veranstaltungsort zurückzulegen. Dies ergibt unter Anrechnung des Kilometer-geldes einen Stundenlohn pro Person von € 23. Zieht man davon einen Anteil für Instrumente und Verstärkeranlage , den Zeitaufwand für das Ein-üben des Programmes, die Probe für den Auftritt, den Auf- und Abbau der Anlage ab, kommt man auf eine Entlohnung unter Mac-Niveau. Und die schamlos schlechte Bezahlung mancher amerikan-ischen Bulettengriller und anderer Fast Food-Imbisse gilt ja in unserer Zeit als legendär und wird in Sachen Entlohnung von manchen Zeit-genossen sogar als Sklavenarbeit bezeichnet.

Doch neben mangelhaften Rechenqualitäten mancher Musiker ist offenbar auch noch deren Geltungsbedürfnis so gross, dass sie sogar noch in die eigene Tasche greifen, um ja auf eine Bühne zu kommen. Rolli ist froh, dass ihm ein derartige Publicity-Streben nicht mehr so wichtig ist und er sich daheim auf der Couch selbst genug ist.

Sie saßen zusammen in der Musikerkneipe ‚Zur Taube‘. Rolli und Simon. Simon, ein Mittzwanziger hätte fast Rollis Enkel sein können, auf alle Fälle sein Sohn. Simon war ein Multiinstrumentalist betrieb eine ungewöhnliche Musikgruppe, die exzellente Musiker in ihren Reihen hatte: ihr Name ‚CinemaCircus‘ passte hervorragend zu ihrem Musikprogramm, das ein bisschen an die Beatles’sche „Seargent Pepper’s Lonely Hearts Club Band“-Platte erinnerte, jedoch mit einer Mischung aus schrägen Balkanrhythmen, fränkischen Kirchweihliedern, irischen Balladen und amerikanischen Westernsongs bestach.

Für Rolli war dieses Programm etwas besonderes und es hatte einen klaren USP, also ein Allein-stellungsmerkmal, mit dem andere Mitbewerber nur schwer mithalten konnten.
„Um einen Fuß in den Markt zu bekommen, muss man eben Auftritte auch mal umsonst oder ‚mit Hut‘, sprich mit Kollekte ohne Festgage akzept- ieren.“, war Simons Credo. Natürlich wieder-sprach Rolli aufgrund seiner früheren Branchen-erfahrungen diesem Ansatz. Doch Simon beharrte auf seinem Standpunkt: „Findet ein Konzert in einem künstlerischen Umfeld, also in einem Club, Konzertsaal, Theater oder Festival statt, ist bei uns der Preis verhandelbar und passt sich immer den Möglichkeiten des Veranstalters an, der in der Regel nicht profitorientiert arbeiten kann. Dort liegen dann bisweilen die Preise niedriger, als es für uns sinnvoll wäre. Das ist sowas wie Idealis-mus, verstehst du? Jedoch bei Privatfeiern oder Firmenfesten verlangen wir einen höheren Fest-preis“.

Rolli musste bei solchen Sichtweisen manchmal an seinen Ex-Chef denken, den Deutschland-Direktor einer internationalen Hotelgruppe. Dieser hatte zur Preispolitik des Unternehmens eine ganz klare Meinung: „Wenn man einmal mit dem Preis am Boden ist, bekommt man den A….nicht mehr so schnell hoch!“

„Damit schaffst du dir doch zwei Probleme auf einmal“, warf Rolli ein. „Zum einen hantierst du mit verschiedenen Preisen und wenn das bei einem ‚Vollzahler‘ bekannt wird, dass dieser mehr bezahlen musste, als jemand anderer, hast du ein massives Imageproblem. Der sieht nicht irgend-etwas wie Idealismus, sondern nur die Tatsache, dass er das Doppelte, Drei- oder gar Vierfache bezahlt hat. Im Gegensatz zu einem anderen, der auch noch nach außen sichtbar Eintritt für dein Konzert verlangt hat. Und vermutlich fühlt er sich als Vollzahler dann gelinkt“.
Weiter fügte Rolli hinzu: „Und derartige preisliche Unregelmässigkeiten verbreiten sich erfahrungsgemäß schneller als ein Lauffeuer.“
Und wie willst du so etwas im Falles des ‚Aufflie-gens‘verargumentieren?“
Simon wich aus und eröffnete eine anderes Dis-kussionsfeld: „Ich habe bei meiner Musik nicht nur finanzielle, sondern auch künstlerische Ambitio-nen. Künstlerisch ambitionierte Musik wie Klassik, Neue Musik, Jazz etc. kann nur durch Subventio-nen bzw. Mäzenatentum bestehen und diese Preisstrategie kann niemals den Gesetzen des freien Marktes unterworfen werden. Es täte mir natürlich leid, wenn ich mit meiner Argumentation einen Kunden verprellen würde. Aber es ist doch einfach zu verstehen, dass wir bei einem Auftritt mit konzertantem Rahmen mit interessiertem Pub-likum weniger Gage verlangen, als für einen Auf-tritt bei einer Privatperson oder einer Firma“, beharrte Simon auf seinem Standpunkt.“
Um dann noch etwas völlig Aberwitziges im Zusammenhang mit seiner Preisgestaltung hinzu-zufügen: „Eine Mango oder Banane kostet doch in Costa Rica oder Brasilien auch nur einen Bruchteil wie in einem deutschen Supermarkt. Das gleiche Produkt kann am einem anderen Ort oder unter anderen Bedingungen doch seinen Preis verän-dern“.
„Ach, du Ärmster. Wenn das nur mal alle deine Kunden verstehen“, dachte Rolli und sah ein, dass Simons Ansatz zur Preis- und Konditionenpolitik sich voraussichtlich nicht so schnell mit seiner Sichtweise und seinen Erfahrungen decken würde.
Es wäre nur zu hoffen, wenn positve musikal-ische Erscheinungen wie Simons ‚CinemaCircus‘ finanziell auf einen grünen Zweig kommen wür-den.
Ein anderer Aspekt ist das Thema der Mindest-löhne, der zur Zeit politische Debatten und Bier-tisch-Diskussionen zum Wallen bringt. Zeitar-beitsfirmen und Billigarbeiter aus dem Ausland führen in vermeintlich normalen Berufen oft zu Halsabschneider-Einkommen. Und genauso trei-ben Billigmusik-Anbieter, egal ob aufgrund ihrer Rechenunfähigkeit, oder als Hobbyunterhalter mit ‚Apfel & Ei‘-Gagen selbständige Berufsmusiker an den Rand des Preisabgrundes. Dabei müssen diese Berufsmusiker zum Teil von ihren Auftritten den Lebensunterhalt bestreiten.
Doch das wird deren Hobby-Mitbewerber kaum interessieren, Genauso wenig, wie ein Aufruf nach Solidarität Gehör finden würde.

Natürlich können Musiker und Bands, die endlos Coverversionen abnudeln und weder über Ei¬gen-kompositionen noch eine Programm-Dramatur-gie verfügen, nur schwer ein Aha-Erlebnis beim Publikum erzielen und einen kostendeckenden, marktgerechten Preis durchsetzen können. Rolli fragte sich manchmal, wie niedrig wohl das Selbstwertgefühl mancher Musiker ist, wenn sie sich ihre Dienst mit einem Bier und einer warmen Suppe entlohnen lassen. Viele Menschen haben doch schließlich nach wie vor Freude an handge-machter Musik !

Doch auch Berufsmusiker müssen sich fragen las-sen, was sie für ihre Produktgestaltung und in Sachen Marketing unternehmen, um sich als Qualitätsangebot mit Alleinstellungsmerkmalen gegenüber Hobby- und Feierabendmusikern durchzusetzen.

Rolli ist sich sicher, dass dieses Thema vermutlich noch so lange sehr unterschiedlich aufgefasst und behandelt werden wird, wie Musik in den Himmel erklingt.